Was Nähen kostet

 

Es gibt verschiedene Arten, wie wir das Thema Nähkosten angehen könnten, je nach dem was unter „Kosten“ zu verstehen ist. In erster Linie verstehe ich darunter das Geld, das wir für Nähprodukte ausgeben. Andererseits könnten aber auch Kosten in Form von Zeit oder Auswirkungen auf die Umwelt in Betracht gezogen werden. Das letztere ist sicher von Relevanz, wenn Vergleiche zur Fashion Industrie gezogen werden müssen.

In diesem Post stehen die gewöhnlichen Ausgaben für Nähutensilien im Vordergrund. Ich habe aber noch ein paar Gedanken zur Fashion Industrie am Ende dieses Beitrags parat.

Damit ihr die Zahlen etwas einordnen könnt (nicht alle kennen sich mit der Kaufkraft des Schweizer Frankens aus), habe ich ein paar Vergleiche für euch. Eine Dreizimmerwohnung (2 Schlafzimmer, 1 Wohnzimmer, Bad und Küche) kostet im Durchschnitt etwa 1500 Franken (1329€) im Monat. Ein Brot kostet etwa 3 Fr. (2.66€)  und ein Big Mac 6.5 Fr. (5.75€). Das Bruttoeinkommen eines Schweizer Haushaltes ist 6500 Fr. (5760€). Ein Meter Blaumwolljersey in einer durchschnittlichen Qualität kostet etwa 20 Fr. (17.75€)  pro Meter. Eine Spule 200m Gütermann Faden kostet 7 Fr. (6.2€). Die meisten Stoffe habe ich aus der Schweiz und aus der EU.

Im Jahr 2018 (eigentlich von April- Dezember, da ich verspätet mit der Erfassung angefangen habe), habe ich 3098 Fr. (2745€) für Nähprodukte ausgegeben. Unter Nähprodukte fallen: Stoff, Schnittmuster, Bücher, Zubehör, Druckkosten, Versand- und Zollkosten und Abonnemente. Nicht in diesen Kosten enthalten ist die Coverstich-Maschine (Messemodell), die ich mir Ende Jahr gekauft habe.

52% dieser Ausgaben floss in Stoff (keine grosse Überraschung), 21% in Zubehör, 13% in Schnittmuster, 6% in Versandkosten und Zollgebühren, 5% in Druckkosten und 0% in Abonnemente (meine Schwester zahlt mein monatliches Abo von Love Sewing, ha!). Über die Monate hat das natürlich variiert. Anfang Jahr gab ich zwischen 25 und 50% für Stoff aus, Ende Jahr waren es doch gegen 80%. Schlimmer noch, es gab tatsächlich mehrere Monate, in denen ich mehr als 500 Fr. für mein Hobby ausgegeben habe und das ist definitiv viel zu viel. Ich höre schon Schwester Unella hinter mir herlaufen: „Schande, Schande, Schande…!“

Der Umfang meiner Schande.

Ich kann euch diese spezifischen Details nennen, weil ich jede Ausgabe in meine programmierte Excel-Tabelle eingetragen habe. Anfangs Jahr habe ich relativ viel Zeit in die perfekte „Programmierung“  (und Optik) investiert, so dass ich jetzt keine Arbeit mehr habe und die Tabelle alles für mich ausrechnet. Besser noch! Ihr könnt meine bereits programmierte Vorlage (Deutsch oder Englisch) einfach hier runterladen. Ihr müsst dafür keinen Newsletter abonnieren und mir auch nicht auf Instagram folgen. Alles, was ihr tun müsst, ist aus dem Dropdown Menü eine Kategorie für eure Ausgaben wählen und den Preis eintragen. Excel macht den Rest.

Alles was ihr tun müsst, ist eure Ausgaben einzutragen. Die Auflistung rechts wird automatisch aktualisiert, ebenfalls die Jahresübersicht. Einfach oder?

Ist mein Kleiderschrank voll Kleider?

Ha, nein! Wohin ist all dieses Geld? Gute Frage. In meiner Excell-Mappe habe ich eine Tabelle spezifisch zu den einzelnen Nähprojekten. Also eine Angabe darüber, was mich jedes Kleidungsstück, das ich für mich im Jahr 2018 vernäht habe (und diese Liste deckt das ganze Jahr ab) gekostet hat. Bemerkung für ganz Spitzfindige: Die Wertminderung meiner Nähmaschinen, Faden, den immer auf Vorrat habe und Strom habe ich niemals in die Betrachtung miteinbezogen. Ebenfalls habe ich keine Kosten für meine Zeit veranschlagt, da es ja ein Hobby ist. (Ich würde aber gerne einmal wissen, wieviel Zeit ich pro Jahr in Nähprojekte investiere).

Der Grund, weshalb ich diese Kosten separat noch einmal aufgeführt habe ist simpel. Nicht alles, dass ich im Jahr 2018 gekauft habe, habe ich auch schon vernäht. Vieles ist in meinen Vorrat gegangen (gerade BH-Artikel, Stoffe oder Schnittmuster). Dieser Vorrat ist also sozusagen „schlafend“ bis ich ihn brauche. Nun, alle Stücke, die ich vernäht habe, kosteten mich 1580 Fr.

Ausgaben pro Kleidungsstück.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mindestens den gleichen Betrag vorher für Kleidung ausgegeben habe. Im 2018 habe ich ein Top in Lissabon gekauft, weil ich nicht genug luftige Shirts eingepackt habe, Socken und Strumpfhosen. Das war’s.

Ich habe 57 Stücke für mich selbst genäht (Unterwäsche ist in dieser Zahl enthalten). Darunter sind 8 Agnes Tops (in aller Form gehackt) und 8 Acacia Panties. Das waren sozusagen meine 2018 Hits. Viele Schnitte habe ich zweimal verwendet, so z.B. die Ginger Jeans, Marlborough Bra, das Linden Sweatshirt und die Clara Blouse).

Habe ich also gespart?

Ich kann mit absoluter Sicherheit sagen (und hier würde mein Freund laut applaudieren), dass ich durchs Nähen NICHT gespart habe. Das war aber auch niemals mein Ziel. Mein Ziel war es, bewusstere Entscheidungen zu fällen, was in meinen Kleiderschrank darf und möglichst keine Fast Fashion mehr zu konsumieren. Mehr könnt ihr dazu auch hier lesen. Natürlich, je öfter ich ein Teil vernäht habe, desto günstiger wurde es. Das erste Agnes Shirt kostete mich noch 45 Franken alle folgenden nur noch den Preis des Stoffes. Im 2018 habe ich wirklich dazugelernt was diese „Tried-N-True“-Schnittmuster betrifft. Lieber etwas Zeit in eine gute Passform investieren und dann in mehrfacher Ausführung nähen, als drei oder vier Schnitte auszutesten, die alle gleich aussehen. (Aber jeder, wie er mag!)

Trotzdem bin ich natürlich schockiert darüber, wieviel Geld ich für mein Hobby ausgegeben habe. Es war’s wert, klar, aber ich denke alleine schon durch meinen Vorrat könnte ich die Ausgaben nächstes Jahr um etwa die Hälfte reduzieren. Mithilfe von Trello habe ich meine Projekte fürs nächste Jahr auch schon festgelegt. Keine Angst, jeder hat seinen eigenen Prozess. Ich bin halt jemand, der gerne plant um immer ein Projekt zur Hand zu haben. Ich werde dazu in den nächsten Wochen ebenfalls ein Post verfassen und euch diesen dann hier verlinken.

Ist Nähen günstiger als Kaufen?

Das kommt darauf an. In erster Linie lassen sich die Kosten pro Stück durch Wiederholung reduzieren (siehe oben das Beispiel mit dem Agnes Top). Dazu kommt, dass ich vermutlich kein Shirt in vergleichbarer Qualität zum Kaufen finde, dass unter den reinen „Stoffpreis“ meines Agnes Shirts fällt. Geht es aber nur darum, für den Zeitpunkt X seinen Körper in ein Shirt zu packen, ist H&M mit seinen rund 10 Franken definitiv „günstiger“.

In diesen 10 Franken ist jedoch die Haltbarkeit des Kleidungsstücks nicht enthalten. Ich habe schon von Leuten gehört, die sich gerade zwei Modelle eines Shirts geholt haben, „weil es ja sowieso bald durch“ sei. Das müsste man nun natürlich auf wieder aufrechnen.

Zusätzlich bilden diese 10 Franken nicht die wahren Kosten dieses Shirts ab. Ich bin eine Verfechterin der These, dass alle Produkte zum dem Preis verkauft werden sollten, der notwendig ist, um sämtliche Kosten zu decken. Darin müsste z.B. enthalten sein: Löhne, die Lebenshaltungskosten einer Familie decken können, Wiederaufbereitungsarbeiten von Trinkwasser und Ökosystemen, Kosten, die Produktionsmethoden für das Gesundheitssystem verursachen oder Recycling des Produkts. Das müssten wir für Stoff etc. natürlich auch machen. Aber nur dann liesse sich ein wirklicher Vergleich anstellen.  Was kostet wirklich mehr? Die Bio-Erdbeeren für 3 Franken aus Chile oder die Erdbeeren aus der Region für 6 Franken?

Mit diesen Gedanken lass ich euch weiternähen…

Nadine

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